Empört euch! Stéphane Hessel

Hessel - Empört Euch!

Der Résistance-Kämpfer und KZ-Überlebende Stéphane Hessel ist in der Nacht vom 26. Februar auf den 27. Februar 2013 in Paris im Alter von 95 Jahren gestorben. Sein fulminanter Essay „Empört euch!“, in dem er zum Widerstand gegen den Neoliberalismus und die Macht der Banken aufrief, machte ihn 2010 weltberühmt.

Unautorisierte Übersetzung aus INDIGNEZ-VOUS ! STÉPHANE HESSEL
Auf den ersten Blick scheint der Aufruf von Stéphane Hessel an die ohnehin zur Empörung neigenden Franzosen gerichtet zu sein. Bei näherer Betrachtung erkennt man jedoch: es ist ein Aufruf an alle Menschen dieses Planeten – gerichtet an alle Menschen, die generationsübergreifend, verantwortungsbewusst denken und handeln wollen.

Es war uns wichtig, diesen Aufruf so schnell wie möglich in unserem Sprachraum und in unserer Sprache zu verbreiten. Nicht zuletzt entstand diese Arbeit auch aus der Empörung über die ewig Gestrigen und die aktuelle „Nichtempörung“ über einen deutschen Buchautor, der 2010/2011 das erfolgreichste „Sachbuch“ aller Zeiten in Deutschland platzieren konnte. 

Anstatt sich für friedliche und konstruktive Lösungen einzusetzen, erreichte der Autor, dass der Hass und die Gewalt innerhalb unserer Gesellschaft weiteren Nährboden finden. Stéphane Hessel zeigt in eindrucksvollen Worten den anderen, friedlichen, aus der Summe seiner Erfahrungen entstandenen Weg.
Cornelia Weigel & Friedrich Kreuzeder

93 Jahre
Es ist wohl der letzte Abschnitt. Das Ende ist nicht mehr fern. Welches Glück, die Fähigkeit zu besitzen sich an das erinnern zu können, was die Basis meines politischen Engagements dargestellt hat: die Jahre des Widerstandes und das vor genau 66 Jahren entwickelte Programm des Nationalrates des Widerstandes! Wir verdanken hier dem Delegierten Jean Moulin die Vereinigung aller Gruppierungen des besetzten Frankreichs, der Bewegungen, der Parteien, der Gewerkschaften, aller, die ihre Zustimmung für ein kämpfendes Frankreich gaben und einen einzigen Chef anerkannten: General de Gaulle. In London, wo ich im März 1941 General de Gaulle traf, erfuhr ich, dass dieser Rat ein Programm aufgestellt hatte, welches am 15. März 1944 angenommen wurde. Es beinhaltet Vorschläge tiefgreifender sozialer Erneuerung für ein befreites Frankreich, die das Fundament der neuen Demokratie unseres Landes bilden sollte.

Diese Grundsätze und Werte brauchen wir heute mehr denn je
Es obliegt uns allen gemeinsam darauf zu achten, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft bleibt, auf die wir weiterhin stolz sein können: Keine Gesellschaft die auf „Menschen ohne juristische Legitimation“ mit Vertreibung reagiert, mit Argwohn Immigranten begegnet, keine Gesellschaft, in der die Rentenansprüche und der Besitz sozialer Sicherheit permanent in Frage gestellt werden, keine Gesellschaft, in der die Medien ausschließlich in den Händen der „Reichen“ sind. Zusammenfassend alles Dinge, die wir als echte Erben des Nationalrates des Widerstandes nicht gutgeheißen hätten.

Seit 1945, nach einem entsetzlichen Drama, gibt es ein anspruchsvolles Wiederaufleben der bestehenden Kräfte im Inneren des Widerstandsrates. Erinnern wir uns, dass die soziale Sicherheit im Sinne des Widerstandes begründet wurde, mit dem Ziel, allen Menschen das Grundbedürfnis nach materieller Sicherheit zu gewährleisten. Ganz besonders in Zeiten, in denen sie nicht oder nur unzureichend aus eigener Kraft, für ihr existenzielles Überleben sorgen können. Eine Rente, die allen Arbeitnehmern einen würdevollen Lebensabend sichert. Die Energiequellen Strom und Gas, die Kohlebergwerke, die großen Banken sind nationalisiert. Das Programm empfiehlt „die Rückkehr zur Nation der großen, monopolistischen Produktionsmöglichkeiten, Frucht der gemeinsamen Arbeit, der Energiequellen, der Bodenschätze, der Versicherungen und großen Banken“; „die Einrichtung einer „wirklich wirtschaftlichen“ und sozialen Demokratie, die die Abschaffung des wirtschaftlichen und finanziellen Feudalismus beinhaltet.“

Das Interesse der Allgemeinheit muss vorrangig vor dem Interesse des Einzelnen sein, die gerechte Aufteilung des durch die Arbeitswelt geschaffenen Reichtums vorrangig vor der Macht des Geldes. Der Widerstand empfiehlt: „eine vernünftige Organisation der Wirtschaft, mit der Gewährleistung einer Unterordnung des Einzelinteresses unter das Gemeininteresse und der Befreiung aus der Diktatur, wie es in den faschistischen Ländern sichtbar war“. Diese Forderung wurde durch die vorläufige Regierung der Republik verstärkt.

Wahre Demokratie benötigt eine unabhängige Presse
Der Widerstand ist sich dessen bewusst, fordert und verteidigt die Pressefreiheit, das Ansehen ihrer Unabhängigkeit hinsichtlich des Staates, der Macht des Geldes und der ausländischen Einflüsse. Dies verstärkt noch die seit 1944 bestehenden Forderungen an die Presse. Allerdings ist genau das heute in Gefahr. Der Widerstand fordert: die effektive Möglichkeit für alle französischen Kinder, ohne Selektion oder Beschränkung von einer hochentwickelten Schulerziehung zu profitieren, aber die vorgeschlagenen Reformen in 2008 richten sich gegen diese Vorhaben. Junge Lehrer, deren Aktionen ich unterstütze, verweigerten die Anwendung dieser Reformen und als Strafe wurden ihre Gehälter gekürzt. Sie haben sich empört, waren „ungehorsam“, haben diese Reformen als zu weit entfernt vom Ideal einer republikanischen Schule gesehen. Diese jungen Lehrer sahen die Reformen überwiegend zu Gunsten der Leistungsgesellschaft und ohne ausreichende Berücksichtigung des kreativen und kritischen Potenzials.

Die Basis der sozialen Errungenschaften wird somit heute in Frage gestellt.

Das Motiv des Widerstandes ist die Empörung
Man wagt es uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld fehlen, obwohl der Reichtum seit der Befreiung nach 1945 exorbitant angestiegen ist. Dies scheint nur möglich, weil die von der Résistance bekämpfte Macht des Geldes niemals so groß, so anmaßend und egoistisch war wie heute und bis in die höchsten Ränge des Staates hinein, über eigene Interessenvertreter verfügt. Die inzwischen privatisierten Banken kümmern sich nur noch um ihre Dividenden und die ausufernden Einkommen ihrer leitenden Manager, nicht aber um das Gemeinwohl. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird ständig größer und das Streben nach Geld und Einfluss gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Das Grundmotiv des Widerstandes war die Empörung
Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung und der kämpfenden Kräfte des freien Frankreichs, appellieren an die junge Generation, das Erbe des Widerstandes und die Ideale neu aufleben zu lassen und sie weiter zu verbreiten.  Wir sagen ihnen: „nehmt es auf Euch, empört Euch!“ Die Verantwortlichen der Politik, Wirtschaft, die Intellektuellen und die Gesamtheit der Gesellschaft dürfen nicht klein beigeben, sich auch nicht beeindrucken lassen durch die aktuelle internationale Diktatur der Finanzmärkte, die den Frieden und die Demokratie bedrohen.

#Piraten herzliche Leidenschaft

Ich wünsche Euch allen, jedem einzelnen von Euch, sein eigenes Motiv der Empörung zu seiner Herzensangelegenheit zu machen, denn diese ist ein kostbares Gut. Wenn Euch etwas empört, so wie mich der Nazismus empört hat, dann wird man streitbar, stark und engagiert. So gestaltet man den Lauf der Geschichte mit, und der große Lauf der Geschichte muss sich, dank jedem Einzelnen, hin zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit fortsetzen – weg von der „unkontrollierten Freiheit eines Fuchses im Hühnerstall“. Die Rechte, die durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 zu Papier gebracht wurden, sind universell. Wenn Ihr jemandem begegnet, den man nicht daran Teil haben lässt, empört Euch mit ihm und helft ihm, diese Rechte durchzusetzen.

Zwei Betrachtungsweisen der Geschichte
Wenn ich versuche zu verstehen, was den Faschismus verursacht hat, sage ich mir, dass ihre Anhänger fürchterliche Angst vor der bolschewistischen Revolution hatten. Der Faschismus und das Vichy-Regime haben uns deshalb überrollt. Aber wenn sich heute wie damals, eine Minderheit Gehör verschafft, würde diese Hefe ausreichen, um den Teig aufgehen zu lassen. Sicher, die Erfahrung eines sehr Alten wie mir, der in 1917 geboren wurde, unterscheidet sich von den Erfahrungen der jungen Leute von heute. Ich bitte oft Hochschullehrer um die Erlaubnis, mit ihren Schülern sprechen zu dürfen und ich sagen ihnen: ihr habt nicht die gleichen offensichtlichen Gründe, um euch zu engagieren. Für uns Widerständler war der erste Grund, die deutsche Besatzungsmacht nicht zu akzeptieren. Das war relativ einfach nachvollziehbar. Die nachfolgende Dekolonialisierung war ebenso einfach zu verstehen. Dann folgte der Krieg in Algerien. Es war offensichtlich, dass Algerien unabhängig werden musste.

Beim Sieg der Roten Armee über die Nazis in 1943 bei Stalingrad haben wir noch alle applaudiert. Aber als wir 1935 über die großen stalinistischen Vorhaben Kenntnis erlangten und uns bewusst war, dass wir offene Ohren gegenüber dem Kommunismus haben mussten, war die Notwendigkeit sich diesem totalitären Systems zu widersetzen, offensichtlich. Ebenso wie es notwendig war, dem amerikanischen Kapitalismus entgegenzutreten und seiner ungehinderten gewaltsamen Ausbreitung Grenzen aufzuzeigen.

Mein langes Leben hat mir eine ganze Reihe von Gründen gegeben, mich zu empören.
Diese Gründe sind weniger aus einem Gefühl heraus entstanden, sondern aus dem Willen sich für etwas einzusetzen. Der junge „Normale“ der ich war, wurde sehr durch Jean-Paul Sartre geprägt, einem älteren Mitschüler. Die Werke Der Ekel, Die Mauer, Das Sein und das Nichts, waren sehr wichtig für meine gedankliche Entwicklung. Sartre hat uns gelehrt, uns selbst zu sagen: „Ihr seid als Individuum verantwortlich.“ Das war eine befreiende Botschaft. Die menschliche Verantwortung, die sich weder einer Macht noch einem Gott zu unterwerfen hat. Im Gegenteil, man muss sich im Namen seiner Persönlichkeit verantworten. Als ich 1939 in die Schule kam, Rue d’ Ulm, in Paris, war ich ein leidenschaftlicher Anhänger des Philosophen Hegel und ich besuchte ein Seminar von Maurice Merleau-Ponty.

Sein Unterricht befasste sich mit der konkreten Erfahrung des Körpers und dessen Beziehung zur Dualität der Sinne. Aber mein natürlicher Optimismus der sich wünscht, dass alles Wünschenswerte auch möglich ist, ließ mich Hegel näher stehen. Der „Hegelianismius“ interpretiert die lange Menschheitsgeschichte als eine stufenweise, fortschreitende Entwicklung der Freiheit des Menschen. Die Geschichte besteht aus einer Reihe aufeinanderfolgender, heftiger Erschütterungen als Preis dieser Herausforderung. Die Gesellschaftsgeschichte schreitet voran, und am Ende, nachdem der Mensch seine vollständige Freiheit erlangt hat, erreichen wir den demokratischen Staat in seiner Vollendung.

Natürlich gibt es auch andere Betrachtungsweisen der Geschichte. Die gemachten Fortschritte durch Freiheit, Wettbewerb, das Rennen um „immer mehr“, können wie ein zerstörerischer Wirbelsturm wirken. Verkörpert wird dies durch einen Freund meines Vaters, der Mann, der gemeinsam mit ihm die Aufgabe hatte, das Buch „ Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, ins Deutsche zu übersetzen. Es ist der deutsche Philosoph Walter Benjamin. Er interpretierte ein Gemälde des schweizerischen Malers Paul Klee den „Angelus Novus“ als pessimistische Botschaft. Die Figur des „Engels der Geschichte“ öffnet die Arme, als ob er ein Unwetter zurückhalten oder zurückstoßen wollte, was für Benjamin gleichbedeutend mit der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts ist. Für Benjamin, der um den Nazis zu entkommen, im September 1940 Selbstmord beging, liegt der Sinn der Geschichte im unaufhaltsamen Weg von Katastrophe zu Katastrophe.

Gleichgültigkeit ist die schlimmste Haltung
Die Gründe sich zu empören könnten heute als weniger klar erscheinen, da die Welt zu komplex ist. Wer bestimmt, wer entscheidet? Es ist nicht immer einfach zu unterscheiden, welche Strömungen uns gerade regieren. Wir haben es nicht mehr mit einer kleinen Elite zu tun, von der wir klar verstehen, warum sie so handelt. Es ist eine große Welt, in der wir merken, dass gegenseitige Abhängigkeit herrscht. Wir leben in einer noch nie da gewesenen, globalen Verknüpfung. Aber in dieser Welt gibt es unerträgliche Dinge. Um sie zu sehen, muss man sehr genau hinschauen, suchen. Ich sage den jungen Leuten: „sucht ein bisschen, ihr werdet sie finden“.

Die schlimmste Haltung ist die Gleichgültigkeit, die bedeutet: „ich kann nichts dafür, ich komme schon klar“. Mit einem solchen Verhalten verliert ihr einen unverzichtbaren Bestandteil der Menschlichkeit. Es ist die Empörung und das daraus resultierende Engagement.

Man kann schon jetzt zwei große neue Herausforderungen erkennen:

1. Die sich stetig vergrößernde immense Kluft, die zwischen den Ärmsten und den Reichsten dieser Welt besteht. Die in dieser Ausprägung erst im XX. und XXI. Jahrhundert aufgetreten ist. Die Ärmsten dieser Welt verdienen heute weniger als 2 Dollar am Tag. Man darf diese Kluft nicht noch tiefer werden lassen. Allein diese Feststellung muss Engagement wecken.

2. Die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten. Nach der Befreiung hatte ich das Glück, als Mitautor bei der Formulierung der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte mitwirken zu können. Die UNO verabschiedete diese am 10. Dezember 1948 im Palais Chaillot in Paris.

Unter der Leitung des Kabinetchefs Henri Laugier, als stellvertretendem Generalsekretär der UNO, und Sekretär der Gemeinschaft der Menschenrechte habe ich, zusammen mit anderen an der Abfassung dieser Erklärung mitgewirkt. Nie werde ich die Rolle von René Cassin bei der damaligen Ausarbeitung vergessen. Er war in 1941 Nationalkommissar für Justiz und Erziehung der freien französischen Regierung in London und erhielt den Friedensnobelpreis in 1968. Ebenfalls unvergessen bleibt die Rolle von Pierre Mendès-France im Wirtschafts- und Sozialrat, der für die von uns erarbeiteten Texte verantwortlich war, bevor sie von der Dritten Kommission der Nationalversammlung hinsichtlich der sozialen, humanitären und kulturellen Fragen geprüft wurden. Ich unterstützte die Arbeit des Sekretariats der Kommission, die aus den 54 damaligen Staatsmitgliedern der Vereinten Nationen bestand. Wir verdanken René Cassin den Begriff „universell“ und nicht „international“, wie es unsere angelsächsischen Freunde vorgeschlagen hatten.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ging es um die Befreiung von den Gefahren, die der Totalitarismus der Menschheit gebracht hatte. Somit war es notwendig, dass sich die Vereinten Nationen zur Achtung dieser universellen Rechte verpflichteten. Auf diese Weise kann sich ein Staat, der die Verletzung der Menschenrechte in seinem Land toleriert, nicht auf seine Souveränität berufen. Dies war bei Hitler der Fall, der sich als uneingeschränkter Herrscher seines Landes sah und einen Völkermord veranlasste. Die Erklärung der Menschenrechte verdankte viel dem weltweiten Abscheu vor Nazionalsozialismus, Faschismus und Totalitarismus und durch unsere Anwesenheit, auch dem Geist der Résistance. Ich fühlte, dass wir uns beeilen mussten, um nicht durch die geheuchelte Zustimmung der Sieger betrogen zu werden die nicht die Absicht hatten, diese Werte auch loyal zu fördern. Wir versuchten ihnen diese Verpflichtung aufzuerlegen.

Ich zögere nicht, den Artikel 15 der universellen Deklaration der Menschenrechte zu zitieren: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.“;
den Artikel 22: „Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und intenationale Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Hilfsmittel jedes Staates, in den Genuss der für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen.“

Selbst wenn diese Deklaration lediglich eine deklarative und keine rechtliche Funktion hat, spielt sie seit 1948 keine geringe Rolle. Kolonialisierte Völker nutzten diese Deklaration als gedankliche Inspiration zu ihrem Kampf für Unabhängigkeit und Freiheit.

Ich stelle mit Freuden fest, dass sich in den letzten Jahrzehnten die „nicht-staatlichen“ Organisationen vermehrt haben: soziale Bewegungen wie Attac (Gesellschaft für die Überprüfung von finanziellen Transaktionen), FIDH (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte), Amnesty International (internationale Gemeinschaft von MenschenrechtsverteidigerInnen), sind aktiv und erfolgreich.

Es ist klar, um heute maximale Wirkung zu erzielen, muss man sich in einem Netzwerk organisieren, um alle modernen Kommunikationsmittel effektiv nutzen zu können.

Den jungen Leuten sage ich: schaut euch um, ihr findet genug Themen, euch zu empören – wie man mit den Immigranten umgeht, mit „Menschen ohne juristische Legitimation“ (illegale Einwanderer), mit den Roma und Sinti. Ihr werdet konkrete Situationen finden, die euch zu kraftvollem Handeln als Bürger veranlassen werden.
Sucht und ihr werdet finden!

Meine Empörung bezüglich Palästina
Heute, gilt meine Hauptempörung Palästina, dem Gaza-Streifen, dem Westjordanland. Dieser Konflikt ist Hauptquelle meiner Empörung. Man muss dazu unbedingt den Report von Richard Goldstone vom September 2009 über Gaza lesen, indem dieser südafrikanische Richter und Jude, der sich selbst Zionist nennt, die israelische Armee beschuldigt, während ihrer dreiwöchigen Operation „Plomb durci“ (hartes Blei) kriegsverbrecherähnliche Aktionen, in einigen Fällen sogar Verbrechen gegen die Menschenrechte begangen zu haben.

Ich selbst bin mit meiner Frau in 2009 nach Gaza zurückgekehrt, konnte dank unserer diplomatischen Pässe einreisen, um uns mit eigenen Augen von den Aussagen des Berichtes zu überzeugen. Die Leute, die uns begleiteten, hatten keine Einreiseerlaubnis für den Gaza-Streifen sowie für das Westjordanland. Wir haben die Flüchtlingslager der Palästinenser besucht, die seit 1948 durch die UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) bestehen. Dort warten mehr als 3 Millionen von Israel aus ihrem Land vertriebene Palästinenser auf ihre Rückkehr, die immer problematischer wird. Gaza ist ein Gefängnis mit offenem Himmel für 1,5 Millionen Palästinenser. Ein Gefängnis, in dem sie ihr Überleben organisieren. Mehr noch als die materiellen Zerstörungen, wie die des Rot-Kreuz-Krankenhauses durch die „Plomb durci“, war es das Verhalten der Bewohner von Gaza, ihr Patriotismus, ihre Liebe zum Meer und den Stränden, ihre stetigen Bemühungen um das Wohlbefinden ihrer unzähligen und lachenden Kinder, das unser Denken nicht loslässt. Wir waren beeindruckt von der erfinderischen Art der Menschen, mit der sie den auferlegten großen Mangel bewältigen. Wir haben sie erlebt bei der Fabrikation von falschen Zementsteinen, um tausende, von Panzern zerstörte Häuser wieder aufzubauen. Man hat uns bestätigt, dass es 1400 Tote gab – Frauen, Kinder, Alte – eingesperrt im Palästinensischen Lager, während dieser von der israelischen Armee durchgeführten Operation „Plomb durci“. Auf israelischer Seite gab es dagegen nur 50 Verletzte zu beklagen. Ich teile die Schlussfolgerungen des südafrikanischen Richters, Richard Goldstone: „Nur die Juden dürfen Kriegsverbrechen begehen.“ Das ist unerträglich. Leider zeigt die Geschichte, dass nur wenige Völker eine Lehre aus ihrer eigenen Geschichte ziehen. Ich weiß, dass die Hamas, die bei den letzten Wahlen gewonnen hatte, nicht verhindern konnte, dass Raketen auf israelische Städte geschossen wurden. Als Antwort auf die Situation der Isolation und die Blockade der Gaza-Bewohner. Mit Sicherheit ist der Terrorismus inakzeptabel, aber man muss unter Berücksichtigung der weit überlegenen militärischen Mittel der Gegenseite bedenken, dass die Reaktion der Bevölkerung nicht gewaltfrei sein kann.

Nutzt es der Hamas Raketen auf die Stadt Sdérot abzuschiessen? Die Antwort ist „Nein“. Es dient nicht der Sache, aber man kann diese Geste als Verzweiflungsakt der Gaza-Bewohner verstehen. In der Aussage „Verzweiflungsakt“ muss man die Gewalt als eine bedauerliche Folge von Zuständen sehen, die für die Menschen die darunter leiden inakzeptabel sind. Man kann also sagen, dass Terrorismus eine Form von Verzweiflung ist. Und dass diese Verzweiflung eine negative Ausdrucksform ist. Man sollte nicht verzweifeln, sondern hoffen. Die Verzweiflung ist das Versagen der Hoffnung. Sie ist verständlich, ich möchte fast sagen, sie ist natürlich, und trotzdem darf sie nicht akzeptiert werden. Denn sie erlaubt keine Ergebnisse, die vielleicht Hoffnung erzeugen können.

Wir müssen lernen, den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen
Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der verschiedenen Kulturen gehört. Auf diesem Weg sollte die Menschheit ihren nächsten Schritt gehen. Und dann, ich beziehe mich auf Sartre, kann man die Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, aber man kann sie verstehen.

Sartre schreibt in 1947: “Ich sehe, dass Gewalt, in welcher Form sie sich auch immer zeigt, eine Niederlage ist. Aber es ist eine unvermeidbare Niederlage, weil wir uns in einem gewalttätigen Universum befinden. Und wenn es wahr ist, dass die Zuflucht in die Gewalt immer Gewalt bleibt, mit dem Risiko sie zu verewigen, so ist es auch wahr, dass sie die einzige Möglichkeit ist, sie zu beenden.“ Hier füge ich ein, dass die Gewaltlosigkeit ein wesentlich sichereres Mittel ist, um Gewalt zu beenden. Man kann die Terroristen nicht unterstützen, wie Sartre dies im Namen seiner Ideologie lange Zeit tat: z.B. während des Algerienkriegs, oder beim Attentat gegen israelische Sportler während der Olympischen Spielen in München 1972. Es bringt doch nichts und selbst Sartre hatte sich am Ende seines Lebens nach dem Sinn des Terrorismus fragen müssen und dessen Daseinsberechtigung in Frage gestellt. Zu wissen: dass Gewalt ihre Wirkung verfehlt, ist wohl wichtiger als zu wissen, ob man diejenigen die Gewalt anwenden verurteilen soll oder nicht. Der Terrorismus hat keine effektive Wirkung. In der Bewertung „Wirksamkeit“ braucht man die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit. Wenn es eine gewalttätige Hoffnung gibt, dann allenfalls in der Poesie von Guillaume Apollinaire: „Möge die Hoffnung gewaltsam sein“ aber nicht in der Politik. Sartre erklärte im März 1980, drei Wochen vor seinem Tod: „Man muss versuchen zu erklären, warum die Welt von heute, die schrecklich ist, nur einen kurzen Ausschnitt in der langen geschichtlichen Entwicklung darstellt“. Die Hoffnung war immer eine dominierende Kraft der Revolutionen und der Aufstände. Hoffnung bedeutet für mich die Gestaltung der Zukunft: „Man muss begreifen, dass die Gewalt der Hoffnung den Rücken zukehrt. Man muss stattdessen der Hoffnung den Vorzug geben wollen, der Hoffnung auf „Gewaltlosigkeit“. Diesen Weg müssen wir lernen zu gehen. Sowohl seitens der Unterdrücker als auch der Unterdrückten müssen wir zur Ablehnung der Unterdrückung kommen. Damit würden wir den Nährboden für terroristische Gewalttaten austrocknen, ihm damit jegliche Grundlage entziehen. Aus diesem Grund darf man nicht zulassen, dass sich der Hass aufstaut und somit neuen Nährboden bilden kann.

Die Botschaft eines Nelson Mandela, eines Martin Luther King findet ihre Relevanz in einer Welt, die eine Konfrontation der Ideologien und die erobernden totalitären Regime überwunden hat. Es ist eine Botschaft der Hoffnung, auf die Fähigkeit moderner Gesellschaften die im Stande sind, Konflikte durch gegenseitiges Verständnis und wachsame Geduld zu lösen. Um dorthin zu gelangen, müssen wir uns auf Rechte berufen, deren Verletzung, egal aus welchen Gründen, unsere Empörung hervorrufen muss. Bei diesen Rechten gibt es keine Kompromisse.

Für gewaltfreien Widerstand
Ich habe – und ich bin nicht der Einzige – die Reaktion der israelischen Regierung bemerkt, die mit der Tatsache konfrontiert wird, dass jeden Freitag die Bürger von Bil’id an die Mauer gehen, gegen die sie protestieren, ohne Steine zu werfen, ohne Gewaltanwendung. Die israelischen Autoritäten haben diesen Marsch als „gewaltlosen Terrorismus“ bezeichnet. Nicht schlecht… Man muss Israeli sein, um Terroristen als gewaltfrei bezeichnen zu können. Man muss besonders peinlich berührt sein, denn die Folge der Gewaltlosigkeit ist die Unterstützung, das Verständnis und das Bejahen all derer, die auf dieser Welt Gegner der Unterdrückung sind.

Das auf Produktivität ausgerichtete Denken des Westens hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der sie nur durch einen radikalen Bruch mit der Flucht nach vorn, weg vom „immer mehr“ herauskommen kann.

Auf dem Gebiet der Finanzen, aber auch im Bereich der Wissenschaften und der Technik. Es ist höchste Zeit, dass der Sorge um Ethik, Gerechtigkeit und einem anhaltenden Gleichgewicht, die höchste Priorität zugewiesen wird. Es ist höchste Zeit, denn die größten Risiken bedrohen uns und die nachfolgenden Generationen. Sie könnten das Ende des menschlichen Abenteuers, auf einem für Menschen nicht mehr bewohnbaren Planeten bedeuten.

Dennoch bleibt es wahr, dass wichtige Fortschritte seit 1948 gemacht wurden: Die Entkolonialisierung, das Ende der Apartheit, die Auflösung des sowjetischen Reiches, der Fall der Mauer in Berlin. Dagegen waren die ersten 10 Jahre des XXI. Jahrhunderts eine Zeit des Rückschritts. Diesen Rückschritt erkläre ich zum Teil mit der Präsidentschaft von George Bush, dem 11. September und die zerstörerischen Aktionen, die die Vereinigten Staaten als blindwütige Reaktion darauf, durchgeführt haben. Z. B. die militärische Invasion im Irak. Wir haben diese Wirtschaftskrise erlebt, aber wir haben daraus keine neue Politik entwickelt. Auch der Klima-Gipfel in Kopenhagen, hat keine neue politische Einsicht hervorgebracht, um unseren Planeten zu erhalten.

Wir stehen an einer Schwelle zwischen den Gräueln der ersten Dekade und den Möglichkeiten in den folgenden Jahrzehnten.
Aber man muss hoffen, man muss immer hoffen. Die hinter uns liegenden Jahrzehnte, die Jahre ab 1990 waren Quellen großen Fortschritts. Die Vereinten Nationen konnten die Konferenz für Umweltschutz von Rio in 1992 einberufen; die in Peking für die Rechte der Frauen in 1995; im September 2000, auf Initiative des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, haben 191 Länder der Erklärung: „Acht Punkte der Entwicklung für das Jahrtausend“ zugestimmt, in dem sie sich verpflichten, die Armut in der Welt bis 2015 auf die Hälfte zu reduzieren. Zu meinem großen Bedauern haben sich weder der Amerikanische Präsident, noch die Europäische Gemeinschaft, auf einen definitiven und konstruktiven, auf den Grundwerten basierenden Beitrag festgelegt.

Wie lautet nun die Schlussfolgerung dieses Aufrufs zur Empörung?
Erinnern wir den Anlass des sechzigjährigen Geburtstages des Programms des Nationalrates der Résistance, am 8.März 2004, an dem wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung und der streitenden Kräfte des freien Frankreichs (1940-1945) erklärten: „Es ist sicher, der Nationalsozialismus ist besiegt, dank der Opfer unserer Brüder und Schwestern der Résistance und der Vereinten Nationen, gegen die Barbarei des Faschismus. Aber diese Bedrohung ist nicht ganz verschwunden und unsere Wut gegen das Unrecht ist immer noch vorhanden.“

Nein, diese Bedrohung ist noch nicht vollständig verschwunden. Wir rufen deshalb auf: „zu einem friedlichen Aufstand gegen den Missbrauch der massenkommunikationsmittel und der Verführung unserer Jugend zum Massenkonsum, der Verachtung der Schwächsten und der Kultur, der kollektiven Amnesie sowie der maßlosen Konkurrenz – Jeder gegen Jeden“. Allen Menschen, die das XXI. Jahrhundert gestalten werden, sagen wir mit unserer ganzen Zuneigung:

„SCHÖPFUNG IST WIDERSTAND.

WIDERSTAND IST SCHÖPFUNG.“

Stéphane Frédéric Hessel (* 20. Oktober 1917 als Stefan Hessel in Berlin; † 26./27. Februar 2013 in Paris) war ein französischer Résistance-Kämpfer, Überlebender des Konzentrationslagers BuchenwaldDiplomatLyrikerEssayist und politischer Aktivist.

Hessel wurde nach seiner KZ-Haft 1946 Büroleiter des Vize-UN-Generalsekretärs Henri Laugier. In dieser Funktion war er bei Sitzungen der neu geschaffenen UN-Menschenrechtskommission präsent. Laut verschiedener Medienberichte war er in diesem Zusammenhang an der Erstellung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN redaktionell beteiligt, wobei er sich selbst jedoch eher als passiven Zeugen dieser Ereignisse beschrieb. Hessel blieb bis 1951 bei der UNO, danach war er im französischen Außenministerium in Paris tätig. Dann wurde er Mitarbeiter von Pierre Mendès-France und lebte nach dessen Fall für einige Jahre in Vietnam. 1962 gründete er in Frankreich die Vereinigung für die Ausbildung von afrikanischen und madagassischen Arbeitnehmern.

Große Aufmerksamkeit erregte 2010 Hessels Essay Empört Euch!, in dem er harsche Kritik an verschiedenen aktuellen politischen Entwicklungen übt und zum Widerstand aufruft. Die Protestbewegung in Spanien gegen die Folgen der Finanzkrise, die entsprechenden griechischen, französischen und portugiesischen sozialen Protestbewegungen sowie die Occupy-Bewegung berufen sich teilweise auf ihn.

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